Mag sein, dass das jetzt überraschend kommt, da wir ja russische Lieder singen:
Manchmal werden wir von Leuten gefragt, ob wir bulgarisch singen. Das machen wir nicht. Aber am vergangenen Wochenende nahm ich an einem Workshop für die Rhodopen-Gesangstechnik teil, der von den „Bulgarian Voices Berlin“ veranstaltet wurde. Hier lernte ich die berühmte „Malka Moma“ persönlich kennen. Neli Andreeva kommt aus den Rhodopen, einem bewaldeten Rumpfgebirge im Süden Bulgariens. Die Gesänge, die dort praktiziert werden, sind ornamentreich und wunderschön und Neli Andreeva hat sie mit ihrem Lied „Malka Moma“ noch ein bisschen berühmter gemacht. Das Lied kenne ich seit ca. 4 Jahren und habe es auch längst gelernt, aber dass ich diese Sängerin mal persönlich treffe, damit habe ich bis dahin nicht gerechnet.
Neli Andreeva berichtete zunächst über die Rhodopen, ihre Heimat und über die Besonderheiten einer speziellen Gesangstechnik, die dort praktiziert wird. Sie wurde seit ihrem 15. Lebensjahr als Folkloresängerin ausgebildet und ihr Spezialgebiet ist der Rhodopengesang. Sie erklärte uns die Tracht, die sie meistens trägt und fragte, ob jemand das Kleid anziehen möchte. Zum Glück hat sich niemand getraut, schnell ja zu sagen. Niemand ausser mir jedenfalls. Und deshalb stellte ich mich engagiert zur Verfügung. So war ich an diesem Tag das Erklärungsmodell und sehr stolz deswegen.
Es ist so eine Tracht wie die, die Walja Balkanska trug, als sie das Lied Излел е Делю Хайдутин (Und ging Delju der Heiducke) sang, das zusammen mit 26 anderen Liedern auf eine Schallpatte gepresst und 1977 mit den interstellaren Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 ins Weltall geschickt wurde. Ich weiß nicht, was noch auf der Schallplatte drauf ist, aber falls sich im Weltraum intelligente Wesen finden, werden sie erfahren, dass Menschen auf der Erde etwas so Schönes hervorbringen können.
Nachdem uns Neli erklärte, welche unterschiedlichen Gesangstechniken in den verschiedenen Regionen Bulgariens praktiziert werden, uns einen kurzen Überblick über die Unterschiede in der Stilistik, den Umgang mit dem seit vielen Jahrzehnten gesammelten Ton-Material, das wie in Russland auch, in Archiven bewahrt und von den Folkoristen ver- und bearbeitet wird, weihte sie uns in das eine oder andere Geheimnis dieser speziellen Art zu singen ein und der praktische Teil begann.
Nach den Einsingübungen erlernten wir an diesem Tag drei oder vier Lieder, die schon in diesem Stadium für mein Empfinden sehr schön klangen und mich irgendwohin davontrugen. Neli Andreeva hat immer sehr leise gesprochen und gesungen und uns sehr sehr dezent und fein angeleitet. Mit viel Geduld und Freundlichkeit ging sie mit jedem einzeln die komplizierten Phrasen durch bis sie sie mit jedem in seiner entsprechenden Stimmlage geprobt hat und wir sie gemeinsam singen konnten. Es war eine sehr besondere Atmosphäre und ein sehr schönes und nachhaltiges Erlebnis.
Heute habe ich meiner Freudin Lorella davon erzählt und ihr etwas von Neli vorgespielt und sie sagte:
„Aber Claudia, diese Frau singt nicht – Blumen kommen aus ihrem Mund.“
Ja, so kam es mir bei dem Workshop die ganze Zeit vor.