Russland

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Reise nach Russland
von Claudia Eckstein

 

Im Mai 2012 wurde ich von Elene Mironova entschieden aufgefordert, einen Flug zu buchen und sie auf die Reise nach Russland zu begleiten.

Ich kam der Aufforderung umgehend nach und war von diesem Moment an unglaublich aufgeregt.
Elena sagte mir, dass ich nach Russland auf keinen Fall alleine fahren könnte, sondern nur in Begleitung einer Person, die auf mich aufpasst und das würde sie gewissenhaft tun.
So hat sie es mir gesagt und so hat sie es dann auch getan.

So flogen also zwei Frauen und zwei Kinder mit dem Flugzeug von Berlin Tegel nach Moskau Domodjedewo. An dem riesigen Flughaven wurden wir von der Oma in Empfang genommen und fuhren alle mit dem Zug in die Stadt. In Moskau wurden die Kinder der Obhut ihrer Oma übergeben und wir zwei Frauen begaben uns zur Wohnung der Schwester von Lena, die uns mehrere Tage beherbergte. An die „Neubauwohnung“ an der Metrostation „Schossee Enthusiastow“, an das ganze Wohngebiet musste ich mich erst kurz gewöhnen. Zumal ich überhaupt noch zutiefst bewegt war, den Ort mit eigenen Füßen zu betreten, an dem Michail Bulgakow unglücklich war und an dem sich die Handlung seines berühmtesten Romans abspielte. Schon auf dem Weg in „unser“ Stadtviertel fiel mir die Mischung aus monumental und protzig und verwahrlost, schmutzig und kaputt auf, die das Stadtbild prägte. Ich fühlte mich teilweise an die anderen europäischen Hauptstädte erinnert, manchmal an London und manchmal an Paris und auch an den „real exististierenden Sozialismus“. Das war also Moskau.

Die Art der Häuser war mir zwar bekannt, die Ästhetik ähnelte jener, mit der ich selbst in der DDR aufgewachsen war, aber hier schien die Zeit stehengeblieben zu sein. Ich kann mich nicht erinnern, dass zu irgendeiner Zeit in der DDR die Stromleitungen in Neubauvierteln zwischen den obersten Stockwerken der Häuser gespannt waren. Sowas gab es nur auf dem Dorf. Aber 2012 in Moskau war das noch der Fall. Die Neubauten unterschieden sich aber auch in anderen Details von denen meiner Jugend. Die Architektur schien um eine gewisse Raffinesse bemüht und die Türen der Häuser waren aus Eisen, so stabil wie Tresortüren. Um sie zu öffnen brauchte man eine elektronischen Code. Einladend sah das nicht aus und als wir das Treppenhaus betraten, wurde klar warum. Die Wände waren nicht mit Grafitti verziert, sondern beschmiert, sie schienen Einschusslöcher zu haben und auch die Wohnungen waren mit „Tresortüren“ gesichert.

Wir wohnten in einer angenehmen, kleinen Wohnung und unternahmen von hier aus Ausflüge zum Roten Platz, zur Tretjakowskaja 1 und 2 und zum Joggen im Park.

Nachdem Elena mir Moskau vorgestellt hatte, fuhren wir zum „Workshop für Kosakenlieder“ an die Wolga.

Warum man auf mich aufpassen musste, darüber erfuhr ich in Sartatov mehr.

Als Elena in einer Bank am Geldumtauschschalter Geld umtauschen wollte, sagte ihr die Beamtin, dass sie 30% weniger bekäme, weil der Geldscheineinen Riss hätte und deshlab weniger wert sei. Hier war eine Halbe Stunde Zeitwaufwand, ein lauter werdender Tonfall, etwas Geschrei und die Drohung mit der Polizei nötig, um die Dame zu dem Zugeständnis zu bewegen, das Geld in voller Höhe umzutauschen. Natürlich begründete sie es damit, dass sich Elena so aufregte und sie deshlab eine Ausnahme machen würde. Dahinter steckt eine Logik, die für mich zwar schwer verständlich ist, aber mir nun vertrauter ist. Als ich mir in einer Apotheke ein einziges Päckchen Taschentücher kaufen wollte, versuchte die Verkäuferin, mir das Geld zweimal abzuziehen. Und die Fahrkartenverkäuferin weigerte sich, eine Fahrkarte für einen vierjährigen Jungen auszustellen, wenn ihr die Geburtsurkunde nicht vorgelegt würde. Auch hier waren die probaten Mittel, ein bisschen Beharrlichkeit, versetzt mit ein wenig Geschrei und der Fahrschein wurde ausgestellt.

Mein Fazit war, dass das sowas kein Grund zur Aufregung ist, sondern eine Art Intelligenztest. Blindes Vertrauen ist Schwäche und in Russland lernen, heißt siegen lernen.